Poli-Ticks!: Im Zweifelsfall gegen den Kläger

Donnerstag, 15. Mai 2008

Im Zweifelsfall gegen den Kläger

Eigentlich wollte Familie Tursun die Mörder ihres Sohnes vor Gericht bringen: Ihr 22jähriger Sohn Baran Tursun, Unistudent in Izmir (Westtürkei), war eines Nachts von Polizisten durch einen Kopfschuss erschossen worden. Die Familie kämpft für juristische Gerechtigkeit – doch nun steht sie selber vor Gericht. Wegen eines Paragraphen, der die Beleidigung türkischer Behörden unter Strafe stellt.

Trauerfamilie Tursun vor Gericht
Es ist eine Tragödie, die sich im Dezember 2007 ereignet hatte. Die Polizisten bemerken einen jungen Autolenker, der plötzlich zu flüchten versucht, als er den Polizeiwagen erkennt. Die Polizisten verfolgen den Wagen wegen Trunkenheitsverdacht, versuchen ihn zu stoppen – und schiessen mit der Pistole in Richtung des flüchtenden Autolenkers. Der 22jährige Lenker, Baran Tursun, wird am Kopf getroffen und stirbt auf der Stelle.

Unistudent Baran Tursun: Tod durch Kopfschuss

Familie Tursun ist geschockt. Weshalb Baran sterben musste, kann im Bekanntenkreis des Opfers niemand verstehen. Die Familie stammt ursprünglich aus dem Osten, ist kurdischer Herkunft und wanderte vor 20 Jahren in die westlichen Provinzen aus. Wie viele ausgewanderte, kurdische Familien träumte sie von einem besseren Leben. In Izmir, wo sich die Familie niederlässt, wird der Traum Wirklichkeit: Baran macht einen erfolgreichen Schulabschluss und wird Student an der Universität von Izmir.

Familie Tursun mit verstorbenem Sohn Baran
Doch seit dem Tod Barans scheinen die Träume der Familie erloschen. „Einst flüchteten wir vor dem Terror.“ Damit meint Familienvater Mehmet den Krieg im Osten, den sich kurdische PKK-Rebellen gegen das türkische Militär liefern. „Und nun hat ein Polizist unseren Sohn ermordet“.

Kurz nach dem Tod ihres Sohnes eröffnet die Familie mithilfe des örtlichen Menschenrechtsvereins eine Anklage. Die angeklagten Polizisten, die für den Tod Barans verantwortlich gemacht werden, begründen den Einsatz ihrer Schusswaffe damit, dass sie geglaubt hätten, der flüchtende Autolenker sei bewaffnet gewesen. Doch im Familienauto der Tursuns wird am Tatort ausser der in Blut getränkten Leiche des 22jährigen nichts anderes gefunden.

Der Vater ist der Überzeugung, dass die Polizisten fahrlässig gehandelt haben. Eine vom Parlament entschiedene Reform erlaubte es Polizisten, ab Juli 2007 bei Fluchtversuchen auch Schusswaffen einzusetzen - und tatsächlich kam es in einzelnen Fällen zu Machtsmissbrauch.
War das der Grund, weshalb Baran sterben musste?

Demonstration gegen Machtsmissbrauch der Polizei

Vor Gericht hat Barans Familie bisher wenig Erfolg. Als sie dies einsieht, beschliesst sie sich Ende April 2008 eine Pressemitteilung zu halten. Der örtliche Menschenrechtsverein unterstützt sie dabei.
Während der Presseerklärung drückt die Familie einmal mehr ihre Trauer um ihren getöteten Sohn aus. Weiter beschwert sie sich über den von ihnen eröffneten Prozess, der ihrer Meinung nach unfair verliefe. Die Familie zeigt sich von den Behörden enttäuscht. Aus purer Verzweiflung spricht er den folgenden Satz:
„Der Justiz kann man nicht trauen.“

Nun steht die Familie (Vater, Mutter und Tochter) selber vor Gericht. Die Anklage beruht sich auf den umstrittenen Gummiparagraphen 301 und lautet „Beleidigung der türkischen Nation, der türkischen Republik und der Institutionen und Organe des Staates“.
Auch gegen den örtlichen Menschenrechtsverein wurde eine Klage eingereicht.

Der Prozess gegen die Polizisten dauert noch an. Ob auch die Trauerfamilie und der Menschenrechtsverein verurteilt werden, steht noch offen.

Quellen:
http://www.cnnturk.com/
http://www.librenews.eu/

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2 Kommentare:

Am/um 15. Mai 2008 12:58 , Anonymous Serdar meinte...

Silav,
dein Blog ist wirklich super und deine Artikel haben Tageszeitungs-Niveau. Es ist immer wieder eine Freude deine satirischen und kritischen Artikel zu lesen. Eine kleine Kritik habe ich aber noch. Leider hast du kein Gästebuch und man kann auch nicht anders Kontakt zu dir herstellen. Auf deine Arbeit bin ich durch das kurdische Internetportal "www.kurdmania.com" aufmerksam geworden. Dort hat man dir übrigens einen Platz ganz oben auf der Startseite gewidmet. Es wäre sehr von Vorteil, wenn ein politisches "Schlitzohr" wie du sich ebenfalls an solchen Plattformen beteiligen würden, um die Diskussionen interessanter zu gestalten. Jedenfalls hast du in mir nun einen weiteren Stammleser gefunden und ich hoffe auf weitere interessante Artikel deinerseits. Und wie gesagt, es wäre nett, dich auf Kurdmania wiederzutreffen.

 
Am/um 16. Mai 2008 06:57 , Blogger Ferrus meinte...

Slav Serdar,
gelek spas, ich freue mich, dass meine Artikel dir gefallen. Diesen Blog führe ich aus Interesse an die Kurdenfrage: ich dene, dass man Politiker viel besser durchschauen kann, wenn man sie mal aus einer anderen Perspektive betrachtet: durch Satire zum Beispiel.

Meine Fotomontagen sind zwar vom Technischen her etwas eifach, aber so kann man die Botschaft recht gut rüberbringen.

In letzter Zeit habe ich etwas ernstere Einträge gemacht, aber ich erstelle gerne weitere Fotomontagen zu aktuellen Diskussionen in der Türkei. Natürlich dürft ihr die Bilder gerne für Kurdmania.com gebrauchen.

Ich werde versuchen, mich aktiv auf der Kurdmania-Plattform zu betätigen.

Danke für den coolen Beitrag über meinen Blog! :)

Serkeftin
Ferrus

 

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