Top Secret...
Ein Foto, auf das die türkische Regierung ein Veröffentlichungsverbot verhängt hat: Türkische Soldaten (links) sitzen gemeinsam mit PKK-Rebellen (rechts) am Esstisch; auf beiden Seiten sind lachende Gesichter zu sehen. Ein recht ungewöhnliches Szenario, wenn man bedenkt, dass die kurdische Untergrundorganisation PKK und die türkischen Streitkräfte sich seit über 25 Jahren gegenseitig bekämpfen…
Doch wie kommt ein solches Szenario zustande, wenn doch in den Grenzgebieten zum Irak fast wöchentlich Soldaten und Rebellen getötet werden?
Alles begann mit der Entscheidung des türkischen Parlaments, den Landestreitkräften Militäroperationen im Nordirak zu erlauben, um so den Terrorismus zu bekämpfen. Anfang Oktober wurden Soldaten zu Zehntausenden an der Grenze zum Nordirak stationiert, und die türkischen Streitkräfte bereiteten sich auf eine intensive Militäroperation gegen die PKK vor. Am 21. Oktober um Mitternacht passiert was Unerwartetes: eine türkische Militärstellung wird an der Grenze von PKK-Rebellen angegriffen, ein Duzend Soldaten werden dabei getötet – und 8 lebend gefangen genommen. Zwei Wochen lang werden sie von den türkischen Streitkräften als vermisst gemeldet. Während in kurdischen Medien bereits Fotos und Videoaufnahmen der Vermissten kursieren, bestreiten türkische Medien und Politiker die Gerüchte, dass die acht vermissten Soldaten in den Händen der PKK seien.
Internetvideos zeigen, wie die Militärstellung nachts unter Beschuss genommen wird, wie von der Stellung aus zurück geschossen wird und wie der Schusswechsel schliesslich zum Stillstand kommt. Am nächsten Morgen fliegen Helikopter der türkischen Armee zur beschossenen Militärstellung und landen dort, um später gleich wieder wegzufliegen. Vermutlich, um tote oder verwundete Soldaten aufzusammeln.
Auf den im Internet kursierenden Videos werden die 8 türkischen Soldaten von PKK-Rebellen – darunter auch Frauen – an einen versteckten Ort gebracht, wo sie zwei Wochen lang mit ihren Feinden, die sie bisher bekämpft hatten, verbringen.
Fotos zeigen die Soldaten, wie sie Tee trinken und sich mit PKK-Rebellen unterhalten.
Die Soldaten sprechen in die Kameras, grüssen Eltern und Bekannte. „Uns geht es gut, macht euch keine Sorgen. Die Freunde hier kümmern sich gut um uns“, sagt einer der gefangenen Soldaten. Sie befinden sich im Freien, sitzen auf grün bewachsenem Boden. Den Rücken an einen Felshang gelehnt, der Windschutz gibt.
Einer der Soldaten gesteht in der Videobotschaft, dass er kurdischer Abstammung sei. Die anderen Soldaten wenden sich an die Familie - oder dieRegierung und rufen sie per Videobotschaft auf, diesen Krieg zu beenden: beide Konfliktparteien sollen den Dialog aufnehmen und sich für eine friedliche Lösung der Kurdenfrage einigen.
Vier der acht gefangengenommenen Soldaten
Die Aufnahmen werden gemacht, um sie den internationalen Medien weiterzureichen. Ausländische Fernsehsender und Zeitungen strahlen Videoausschnitte oder Fotos aus, doch deren Veröffentlichung wird in der Türkei verboten. Die Medien unterliegen einer strengen Zensur. Dass die Soldaten in den Händen ihrer Terroristen sind, wird in Zeitungen oder den Nachrichten nicht erwähnt – lediglich, dass kein Kontakt zu den Soldaten hergestellt werden könne. Zwei Wochen lang.
Türkische Nachrichtenhomepage Haber3:
"8 Soldaten vermisst!"
Während Politiker und Öffentlichkeit schweigen, meldet sich allein die prokurdische Partei DTP zu Wort und erklärt sich bereit, die gefangenen Soldaten ins Land zurückzuholen: Ihre Unterkunft wird an einer Grenzstelle zum Nordirak vermutet. Der Partei werfen türkische Politiker und Öffentlichkeit aber schon länger vor, politischer Arm der als terroristisch eingestuften PKK zu sein: Unter Anderem weil die kurdische Partei sich weigert, die Organisation als terroristisch zu bezeichnen. Man misstraut deswegen der DTP und ignoriert ihre Absicht, die Soldaten zu befreien.
Drei DTP-Abgeordnete erklären sich schliesslich bereit, mithilfe von örtlichen Vermittlern sich mit den Rebellen zu treffen, die ihnen die 8 türkischen Soldaten übergeben sollen. Das Treffen erfolgt wie geplant.
Soldaten und DTP-Abgeordnete begrüssen sich. Vor Ort wird eine Videobotschaft aufgenommen, in der die Politiker erklären, dass sie diese Rettungsmission im Namen der Menschlichkeit gemacht haben. Ihnen sei das Leben der Soldaten wichtig gewesen, und sie hätten das Schweigen der türkischen Öffentlichkeit nicht mehr länger ertragen können. Sie seien hier, um die Soldaten in die Türkei zurückzuholen. Auch ein e Führungsperson der PKK-Rebellen meldet sich zu Wort. Beide Seiten unterschreiben ein Papier.
Bevor die Soldaten in die Jeeps steigen, geben sie den Rebellen, mit denen sie ganze 2 Wochen verbracht haben, die Hand und verabschieden sich von ihnen. „Pass gut auf dich auf“, sagt einer von ihnen zu einem PKK-Rebellen und steigt in das Gefährt.
An der türkischen Grenze zum Nordirak werden Politiker und Soldaten von türkischen Journalisten und Fernsehteams bereits erwartet. Die Rückfahrt in die Türkei erfolgt wie geplant.
Spätesten dann brechen türkische Medien und Politiker ihr Schweigen: anstatt sich für die mutige Rettungsaktion zu bedanken wirft man der DTP Kollaboration mit einer Terrororganisation vor. Von der Rettung sind Politiker mehr erbost als erfreut. Der AKP-Abgeordnete Cemil Cicek äussert sich wie folgt zur Rettung der 8 Soldaten:
„Ich freue mich nicht. Hätten die Soldaten bis zum Tod tapfer weiter gekämpft, hätten sie ihr Leben für ihr Vaterland gegeben, dann hätten wir sie wenigstens als gefallene Märtyrer gefeiert. Aber es gibt nichts zu feiern.“
Kurz nachdem die Soldaten in die Türkei gelangen, werden sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem Militärgefängnis verhört: Gegen sie läuft seither ein Verfahren wegen " Ungehorsam und Flucht über die Landesgrenze".
Die Medienzensur besteht weiterhin, die Fotos und Videoaufnahmen der Soldaten werden als Beweismaterial gegen sie verwendet und das Gerichtsverfahren wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt.
Labels: kurden, kurdenfrage, kurdenkonflikt, kurdistan, PKK, türkei, türkisce soldaten


3 Kommentare:
Die Videobotschaften der gefangengenommen Sodaten sind mit Vorsicht zu geniessen. Es ist bekannt, dass sich Geiseln unter bestimmten Voraussetzungen mit ihren Entführern solidarisieren. Man nennt dies Stockholm-Syndrom.
Es ist möglich, dass dies auch hier vorliegt. Wenn es zutreffen sollte, dass die türische Armee diesen Soldaten nun den Prozess macht, dann ist dies skandalös, denn es scheint ja erwiesen zu sein, dass sie sich nicht haben freiwillig gefangennehmen lassen. (Gefecht in der Nacht, tote Soldaten, welche an der angegriffenen Stellung aufgefunden wurden)
Was ich mich frage ist, weshalb man mit den Kurden keine friedliche Lösung finden kann, welche mehr Autonomie für die Kurden vorsieht. Die Türkei sollte sich meiner Ansicht nach vom Nationalstaat weg zum Nationalitätenstatt hin bewegen.
Nationalstaat=Ein Volk, eine Religion, eine Sprache
Nationalitätenstaat=mehrere Völker, mehrere Sprachen, mehrere Religionen
Es wäre meiner Ansicht nach eher eine Bereicherung für die Türkei, wenn sie sich vom Uniformismus weg zum Multikulturalismus hin bewegen würde.
Eine demokratische Türkei müsste ihre Minderheiten ja gar nicht fürchten, da ja in einer Demokratie ohnehin das Mehrheitsprinzip gilt. Allerdings würde es eine Demokratie auszeichnen, wenn sie rüchsichtsvoll mit ihren Minderheiten umgeht.
Hallo Alexander,
Danke für deinen Kommentar.
ja, der Kurdenkonflikt ist sehr kompliziert, und deswegen ist es wohl schwierig, eine definitive Lösung für die Kurdenfrage zu finden. Denn die Kurden leben verstreut in 4 Ländern.
Der Irak hat jedoch gezeigt, dass mit einem Nationalitätenstaat, wie du ihn uns eben vorgestellt hast, die Kurdenfrage sehr gut gelöst werden kann: im Irak bilden heute die Kurden die stärkste Fraktion des Landes, und sie sind die besten Verbündeten Amerikas.
Vielleicht schreckt gerade das die anderen Nationen ab: die Länder (Türkei, Iran, Syrien - und Irak) haben Angst vor Machtverlust. Sie sind allesamt zentralistische Nationen, und ein Nationalitätenstaat würde bedeuten, dass man das zentralistische System durch ein föderalistisches ersetzen müsste. Wenn man bedenkt, dass mit dem Wort Zentralismus auch Macht gemeint ist...
Vertreter der türkischen Regierung haben sich diese Woche erstmals mit Vertretern der kurdischen Autoomieregierung getroffen. Wenn du mich fragst, ist das ein sehr positives Zeichen.
Anscheinend hat man realisiert, dass der Konflikt mit Dialog besser gelöst werden kann. Hoffen wir das Beste.
hallo Ferrus,
ich möchte dir als erstes zu deinem blog gratulieren. es ist dir allesamt gelungen den politik der besatzer kurdistans auf eine sarkastische art und weise den nicht kennern des konflikts näher zu bringen, was emens wichtig ist, wenn man bedenkt wie viel desinformation bezüglich kurden betrieben wird.
aber an deinem kommentar hab ich dennoch etwas auszusetzen! und zwar, die jüngste näherung des türkischen regimes zu südkurdischen kräften ist nichts weiter als die "teile und herrsche politik" was immer wieder zur tage getragen wird, sobald innerhalb der kurden eine gewisse annäherung zu verzeichnen ist, was bei den angeriffen der türkischen kräfte im februar der fall war. zum dialog sage ich persönlich auch ja, aber andererseits, wie soll man von etwas positivem sprechen, wenn gleichzeitig kurdische dörfer innerhalb der KRG grenzen durch türkische kräfte bombardiert, die infrastruktur zerstört, die menschen obdachlos und vertrieben werden!?
die lösung der kurdischen frage kann nur dann statt finden, wenn die kurden einigermaßen mit einander kooperieren (nicht nur die beiden großen parteien in südkurdistan sondern auch andere kräfte in den restlichen kurdistan) und sich in einer einheit präsentieren können. sonst wird sich für die kurden wenig ändern, wenn man weiterhin mit falschen partnern gegen das eigene volk und brüder aus anderen teilen kurdistans vorgeht!
lg mîro
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